Gentechnikfilz-News vom 22.1.2013

Hallo,
die Demo „Wir haben es satt!“ ist vorüber – und ich fuhr mit deutlich gemischten Gefühlen wieder zurück. Meine Freude über die Demo 2011 (die ich nicht mitmachen konnte, weil ich im Knast saß) war groß: Ein weiterer Schritt vom ewigen Gegeneinander zwischen Naturschutz, LandwirtInnen, VerbraucherInnen – hin zu gemeinsamen politischen Kampagnen. „Faire Milch“, der Kampf gegen Schlachthöfe und Tierfabriken, gegen Gentechnik usw. gehörte in den letzten Jahren auch zu diesem Erlebnis, dass da zusammen kommt (und kämpft), was zusammengehört. Dass die anfängliche Euphorie raus ist, ist kein Beinbruch, sondern normal. Aber dass der Aufbruch in eine Art professionellen Bewegungsmanagement mündet, das halte ich – auch wenn es heutzutage ebenfalls üblich ist – für gefährlich.
Genau so habe ich die Demo in Berlin aber erlebt. Hier trafen sich viele Menschen, die in ihren Kämpfen vor Ort zu guten Teilen ausgelutscht sind. Die Wallfahrt nach Berlin wird zur schlichten Wiederholung. Sie ist immer perfekter organisiert: Mit Bussen, mit professioneller Bühnenschau (fast komplett ohne Inhalte, dafür aber mit vielen Sprüchen und Bewegungsspielchen – eher ein „Wetten, dass …“ im Freien als politischer Protest) und organisiert von einer seltsamen Sphäre völlig abgehobener Hauptamtlicher, die immer mehr nur noch eines im Blick haben: Diesen Protest immer zu wiederholen, denn er sichert ihre Jobs über die damit verbundenen Spenden und Förderungen.
Die Praxis des Protestes – von Blockaden an Tierfabriken über abgebaute Gentechnikschaugärten bis zur Gegenwehr gegen Behörden, Gerichte und mehr – sie kam in der niveaulosen Schau am Samstagsmittag vor leeren Regierungsgebäuden gar nicht mehr vor. Sie interessiert die BewegungsmanagerInnen auch nicht. Was zählt, sind Medienevents, Masse und Kasse.
Das alles spricht nicht für große Demonstration. Aber es bedarf einer anderen Verknüpfung. Die Basis widerständiger Praxis sind viele handlungsfähige Zusammenhänge in den konkreten Kämpfen. Wenn die dann einmal oder einige Male überregional zusammenkommen, um auch Masse zu zeigen, ist das gut. Wenn die Massenaktion aber die – hauptamtlich organisierte, d.h. auf Geld beruhende – Hülle für wenig Inhalt ist, dann läuft was falsch.
Ich jedenfalls werde weiter meinen Schwerpunkt in den konkreten Kämpfen suchen und würde mich freuen, wenn sich niemand blenden lässt von der selbstinszenierten und –verschuldeten Show in Berlin. Es wird auf Anderes ankommen. Und damit vor allem auf Euch. Eine andere Landwirtschaft entsteht aus dem konkreten Handeln, aus Protest, aus Aktion, aus Projekten, aus einer Praxis solidarischer Landwirtschaft und vielen mehr. Aber höchstens als Ergänzung aus Unterschriftenlisten, vorgefertigten Emails und dem Ausfüllen von Überweisungsträgern.
Falls nun jemand fragt: „Warum sagst Du denen das nicht?“ Dann muss ich leider antworten: Habe ich versucht. Aber die reagieren gar nicht mehr in ihren Büro in irgendwelchen Hauptstädten. Bewegung ist da nicht anders wie Behörden. Die Apparate verselbständigen sich. Das ist keine Bosheit, sondern normal Wir aber sollten unnormal sein!
Beste Grüße aus der Projektwerkstatt in Saasen … Jörg B.

Lage 2013

Hier folgen immer wieder unsere Rechercheergebnisse, was an Feldern zu erwarten ist.

  • Das AgroBioTechnikum in Groß Lüsewitz einschließlich der Felder dort ist Geschichte (schon vermeldet).
  • Der Weizenversuch für den Standort Üplingen ist jetzt auch offiziell auf Herbst 2013 als Aussaatzeitpunkt verschoben worden. Die Behauptungen des Umweltinstituts München (gegenüber der Presse) und des Infodienst Gentechnik (auf eigener Internetseite), es gäbe dieses Feld jetzt schon, waren falsch – und zeigen leider einmal, dass von den NGO-Büros die praktische politische Arbeit doch nur sehr eingeschränkt möglich ist. Die Kontonummer stimmt meist, beim Rest wird es schwierig. Zum anderen zeigen sie die Folgen der Dummheit, dass mit den AktivistInnen der Praxis meist ganz bewusst kein Kontakt gehalten wird. Die aber wissen da draußen einfach besser Bescheid …
  • Gegen den BASF-Kartoffelversuch auf dem Limburgerhof (BASF-Agrarbetriebsgelände südlich Ludwigshafen) läuft zur Zeit die Einwendungsfrist. Das Umweltinstitut München sammelt Einwendungen. Unterschreiben ist gut – aber bitte nicht denken, dass sich mit Unterschriften Felder verhindern lassen! Also nur unterschreiben, wenn das nicht von anderen Aktivitäten abhält!
  • Denkbar sind laut Anmeldestand weiter das Monsanto-Rübenfeld in Gerbitz (wurde 2012 nicht bearbeitet und verunkrautete völlig) und das KWS-Rübenfeld in Üplingen. Weiter gültig sind auch die Genehmigungen der Uni Rostock für Tabak und Weizen sowie von Mais der Firma Pioneer.
  • Üplingen als Standort wackelt aber immer mehr. Da zumindest im Sommerhalbjahr 2013 der Weizenversuch des IPK dort noch nicht stehen wird, fehlt möglicherweise der Impuls und auch das Geld, dort noch weiterzumachen. Außerdem habe kreative Köpfe die Anlage einfach kurzerhand abgebaut (zwei Kilometer Zaun und einiges mehr sind entfernt und im Ort verschenkt worden … siehe unten zu diesem Husarenstreich).
  • Für 2013 (und 2014) bleibt auch genehmigt der Pferdeversuch in Mecklenburg-Vorpommern

Mit direkten Links zu den Feldgenehmigungen usw. ist dieser Text auch auf www.gentech-weg.de.vu zu finden.

NEUES AUS DEN SEILSCHAFTEN


Evangelische Kirche in Bayern wird offensiver: Werbekampagne pro Gentechnik!
Eine Mitteilung des evangelischen Pressedienstes selbst:

Eine ethische Onlineberatung zu den Themen Pflanzenforschung und Gentechnik hat das Institut Theologie-Technik-Naturwissenschaft [1] (TTN) entwickelt. Das neue Webportal www.pflanzen-forschung-ethik.de [2] erlaube den Nutzern, sich „selbstständig ein ethisch fundiertes Urteil über Anwendungen der Grünen Gentechnik zu bilden“, erklärte das Institut am in München. Die Grüne Gentechnik werde in Deutschland seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert, erklärte Projektleiter und TTN-Geschäftsführer Stephan Schleissing. Den interessierten Beobachtern falle es zunehmend schwer, die „ausufernden Konflikte“ nachzuvollziehen. Das Webportal informiere über das Themenfeld der modernen Pflanzenforschung und enthalte Meinungen von Akteuren in Bayern. Zudem könnten sich die Nutzer anhand eines interaktiven Fallbeispiels selbst ein Urteil bilden. „Damit wird ethisches Argumentieren erfahrbar“, so Schleissing.

Doch mit dem Selbst-denken wird das schwierig. MacherInnen der Internetseite sind nämlich geschulte Seilschaften, die auch andere Internetplattformen betreiben (z.B. TransGen), die pseusoneutral das Denken manipulieren sollen. Laut Impressum stehen die Aachener Coonnection „i-bio“ hinter dem Projekt, technisch wird es von Pigurdesign umgesetzt. Die arbeiten regelmäßig für die Gentechnikseilschaften, so auch schon für WGG, Max-Planck und IPK.
Glück haben die evangelische Kirche und andere seit Jahren, weil der Gentechnikprotest auch in Bayern nicht in der Lage ist, die verantwortlichen Institutionen (Unis, Landesregierung mit dem Förderprogramm For Planta, Kirche usw.) mal ins Zentrum des Protestes zu rücken (ist in anderen Bundesländern nicht anders außer in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, aber auch da sind es unabhängige AktivistInnen meist von außerhalb).

Eine nötige Klarstellung: Transparency international begünstigt moderne Seilschaften
Immer wieder veröffentlicht TI seine Korruptionsbilanz. Und immer wieder schneiden die modernen Demokratien (z.B. Deutschland) am besten ab, die andererseits diese Welt aber wirtschaftlich beherrschen. Wie das? Der Grund ist einfach: Transparency fehlt eine moderne Herrschaftsanalyse. Wer danach sucht, wo wirklich Geld oder andere Vorteile fließen, findet in Ländern wie Deutschland das kaum noch (außer ab und zu bei trotteligen Bundespräsidenten u.ä.). Denn moderne Funktionseliten regeln ihre Dinge anders. Da hat niemand mehr ein dickes Portemonnaie dabei. Die Sachen flutschen auf „eine Hand wäscht die andere“, d.h. ohne konkrete Versprechen, Zahlungen usw. Es ist mehr eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung. Da Transparency nur auf die altmodischen Formen direkter Bestechung schaut, schneiden die modernen Staaten besser ab. Die sind damit aber nicht verfilzter, sondern Transparency macht sich zum Esel der führenden Industriestaaten – und schimpft über die, die in Sachen moderner Herrschaft erst noch üben.

Maulkorb-Verfahren in Saarbrücken
Zur Erinnerung nochmal der Stand: Etliche meiner Rechercheergebnisse und Aussagen vor allem über die Geschäftspraxen von Kleinfirmen und Lobbyverbänden wurden von Kerstin Schmidt und Uwe Schrader, unterstützt von Horst Rehberger angegriffen. Ziel war ein Maulkorb für mich. Das Ganze ging durch alle Instanzen bis zum Verfassungsgericht. Ergebnis: Zu den meisten Punkten ist das Rechtsverfahren abgeschlossen und ich habe in diesen Punkten durchgehend gewonnen. Genauer geprüft werden müssen (nur) noch die Vorwürfe, die Straftaten beinhalten würden, d.h. Betrug, Veruntreuung und Geldwäsche. Hier müsse, so das Verfassungsgericht, genauer geschaut werden, ob an den Kritiken was dran ist. Wenn ja, würde sich nämlich die Frage stellen, weshalb keine Staatsanwaltschaft ermitteln wollte (Strafverteilung im Amt???). Erwartungsgemäß habe ich das einstweilige Verfügungsverfahren wieder verloren, denn dort dürfen keine gesonderten Beweismittel (Dokumente, Zeugen …) vorgelegt werden. Ohne das lässt sich aber natürlich nichts beweisen. Also ist erstmal wieder verboten, denen Betrug u.ä. vorzuwerfen – bis zum sogenannten Hauptsachverfahren. Dieses bringt dann die endgültige Klärung und hier sind Beweismittel zugelassen. Daraufhin haben wir (mein Anwalt Tronje Döhmer aus Gießen und ich) eine neue Zusammenstellung speziell der Vorwürfe zum illegalen Umgang mit Fördergeldern ans Gericht geschickt. Darauf wird es nun ankommen – und dann alles wieder in eine mündliche Verhandlung in Saarbrücken münden. Termin: Noch unklar. Wer das Schreiben lesen will, findet es hier.

SPRÜCHEKLOPFERiNNEN

Blättern in den Geschäftsberichten von InnoPlanta
Das empfehle ich ja öfter: Lest mehr in den Schriften der anderen Seite und nicht nur die Studien bzw. meiste bunten Flyer oder Überweisungsträger der eigenen Organisationen. Ich hab mal ein paar InnoPlanta-Jahresberichte durchgelesen und fand ein paar nette Passagen.
AGIL soll ein „Gegengewicht zu den Öko-Landwirtschaftsverbänden“ sein. Weitere Ziele:
„– Etablierung eines Patenschaftssystems (Vertreter aus Politik und Forschung, u.a. MdB Katherina Reiche, MdB Peter Bleser, MdB Kristel Happach-.Kasan, Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany)
„– Gegenakivität bei der Feldzerstörungsaktion von „Gendreck-weg“ im Juli in Badingen/Gransee“ (InnoPlanta Geschäftsbericht 2006, S. 6)
„Das 7. InnoPlanta Forum fand am 19. September 2007 in der Landesvertretung
Sachsen-Anhalt in Berlin statt.“ (InnoPlanta Geschäftsbericht 2007, S. 9)
Folienauszug aus dem Vortrag Karl-Friedrich Kaufmann AGIL am 2.7.2007 in MD
Aussagen zum ökologischen Landbau …
-Kein Nachweis, dass Lebensmittel gesünder sind
-Bis zu 50% geringere Flächenleistung
-Hoher Krankheitsbefall und Belastung (Mycotoxine, Phytophtera…)

Vereinfachte WelterklärerInnen auf der Wir-haben-es-satt-Demo
Wer keine klar emanzipatorische Position oder gar selbst vereinfachte Feindbilder hat, wird zum Anziehungspunkt für Menschen mit einfachen Welterklärungsmustern. So tauchten 2012 Nazis auf der Wir-haben-es-satt-Demo auf – und wurden immerhin erkannt und abgedrängt. Vielleicht blieben unauffälligere aber zurück – keine Ahnung.
Dieses Jahr strömte ein ganzer Pulk von Leuten mit Trikots und Flyern „Stimme und Gegenstimme“ in die Demo. Sie konnten weitgehend ungestört ihre Propaganda loswerden. Ich kannte die, weil mir die Szene ja mal genauer angeschaut habe (wofür mich allerhand Leute kritisiert haben, die politische Aktion mit Internetklicken verwechseln u.ä.).
„Stimme und Gegenstimme“ ist eine Art Zeitung im Flyerformat die angeblich unterdrücke Meinungen verbreiten soll. Sie stammt aus der Feder des Führers einer fundamental-christlichen Gruppe in der Schweiz, die mit hoher Penetranz für Familientreue, gegen Homosexualität und Judentum wettert. In politischen Bewegungen sind sie mit „Stimme und Gegenstimme“ sowie die Anti-Zensur-Konferenz unterwegs. Gerüchte, diese AZK sei ein Nazitreffpunkt, sind zwar falsch (ich war ja selbst dort, um mir das genauer anzuschauen), aber die Hasspredigten im Christenmantel sind nicht viel besser.
Für mich war es das erste Mal, dass sie so offensiv und zahlreich in einer Demo unterwegs waren und missionierten … immer 2er-Teams, wie mit dem Wachturm. Ich hab die angesprochen, weil die sich erst gefreut haben, einen AZK-Redner zu treffen. Ich hab sie dann angequatscht, was da für ein Scheiß in ihren Flugblättern stehen würde. Und war ziemlich überrascht über die Reaktion. Ich: „Da wird der Holocaust geleugnet“. Die: „Ja, den gabs ja auch nicht“. Ich: „Die behaupten, die Juden würden die Homosexualität fördern, um die Familien zu zerschlagen“. Die: „Ja, das ist doch die Wahrheit“. Ich: „Ivo Sasek sagt zu seinen Leuten, er sei das Göttliche und sie Natur.“ Die: „Ivo ist göttlich“. usw. Ich war ziemlich erstaunt, dass die das alles klarhatten und wie selbstverständlich dort gesagt haben. Dann haben sie mich mit eher religiösen Sprüchen wie „Du musst das mal an Dich ranlassen“ usw. zu missionieren versuchen, bis ich überlegte, dass ich eigentlich wegen was Anderem auf der Demo war.
Ich schreibe das hier, weil die inhaltliche Niveaulosigkeit, die in politischen Bewegungen immer weit verbreitet ist (wer beschäftigt sich schon richtig intensiv mit den Themen, gegen die er/sie protestiert?) auch in Zukunft dazu führen wird, dass viele Überschneidungen mit rechten oder vereinfachenden politischen Positionen entstehen. Die Akzeptanz von Alpenparlament.TV (hinter dem solche Kreise stehen) und die großen BesucherInnenzahlen bei den Konferenzen (z.B. regelmäßig 2000 Leute bei der AZK, letztens mehrere Hundert bei einer ähnlichen Konferenz in Alsfeld) zeigen diese Anfälligkeit. Die Beliebtheit gründet sich auch auf dieser Leere, die in vielen ist. Die Empörung über die Unverschämtheiten von Regierungen und Konzernen mündet nicht in einen widerständigen Protest plus inhaltlich tiefgehender Kritik, sondern in oberflächliche Handlungen und Schuldzuweisungen.
Mehr dazu:

WEITERE NACHRICHTEN ZUM THEMA

Glyphosat – (k)ein Problem der Gentechnik!
Aus der FR am 4.1.2013: „Bequem, billig und brutal: Das Total-Herbizid Glyphosat, unter den Namen Weedkill, Dominator oder Roundup im Handel, ist auch auf deutschen Äckern auf dem Vormarsch. Doch weil neue Studien die bislang attestierte Unbedenklichkeit des Mittels für Mensch, Tier und Umwelt in Frage stellen, geht die Industrie in die Offensive. Sie rührt über eine eigens eingerichtete Internetseite die Werbetrommel für das Gift, denn der auf die Felder versprühte Stoff steht in der EU vor seiner Wiederzulassung. … Ostdeutschland ist die „Glyphosat-Region schlechthin“, so die Deutsche Landwirtschaftliche Gesellschaft in ihrem DLG-Magazin. Auf drei Vierteln der Äcker wird Glyphosat eingesetzt, anstatt Unkraut mechanisch, durch angepasste Fruchtfolge oder bessere Sortenwahl in Schach zu halten. Das DLG-Magazin warnt: Wegen der aktuellen Diskussion um den Stoff „sollte die Anwendung auf das notwendige Maß beschränkt bleiben“. Und rät: „Mehr guten Ackerbau, bitte!“

AKTIONEN/BEWEGUNG

Gäbe es die Wahl zur „Aktion des Monats“, hätte diese Idee wohl gute Chance: Unbekannte haben die langen Winternächte ohne Bewachung ausgenutzt, um den Gentechnik-Propagandagarten in der Börde einfach abzubauen. Und nicht nur das: Sie verteilten auch noch ein Fake, in dem AnwohnerInnen ermuntert wurden, sich an den abgebauten Baustoffen zu bedienen, weil die nicht mehr benötigt wurden. Hier der Text aus „Neues Deutschland“ am 16.01.2013:
Gentechnik-Standort in Üplingen sabotiert
Zaun um das Gelände des Schaugarten in Üplingen abgebaut

Einen empfindlichen Rückschlag erlebten die Betreiber des Gentechnik-Schaugartens Üplingen Anfang Januar. Wie erst jetzt bekannt wurde, hatten mutmaßliche Gentechnikgegner den Zaun um das Gelände auf zwei Kilometern Länge komplett abgebaut. In einem nachgeahmten Infoblatt verkündeten sie, die Gentechnik habe in Deutschland keine Zukunft mehr.
Gentechnik zum Anfassen hatte sich der Schaugarten Üplingen zwischen Magdeburg und Braunschweig zum Ziel gesetzt. Neben der Forschungsarbeit wollte der Betreiber Biotechfarm GmbH & Co. KG Besuchergruppen davon überzeugen, dass genmanipulierte Pflanzen harmlos seien und die großen Probleme der Welt lösten. Nachdem die öffentlichen Führungen schon 2012 eingestellt wurden, kam es nun zur Demontage der kompletten Umzäunung rund um das Gelände.
Wie das Polizeirevier Börde mitteilt, haben Unbekannte wohl zwischen dem 5. und 6. Januar die Zäune auf zwei Kilometern Länge „ordnungsgemäß aufgerollt“ sowie Holzpfosten und Überwachungstechnik abgebaut. Die mutmaßlichen Gentechnikgegner hätten zudem in Üplingen Flyer verteilt, die wie offizielle Mitteilungen der Betreiberfirma aussahen und einige Teile des Zauns im Dorf abgelegt. Unter der Überschrift „Haushaltsauflösung am Schaugarten“ hieß es im Flyer, die Biotechfarm werde „mit sofortiger Wirkung schließen“. Den Nachbarn wurde angeboten, „etwas von unserem aufgelösten Hausrat mitzunehmen“. Laut Polizeisprecher Joachim Albrecht waren sämtliche Materialien unbeschadet aufgestapelt worden. Die Geschäftsführerin von Biotechfarm, Kerstin Schmidt, wollte sich zu dem Vorfall nicht äußern.

Ich denke gerne zurück … Günther Burckhardt ist tot
Ich habe ihn schon erlebt, als wir Mitte der 90er Jahre Felder besetzten und dadurch viele Debatten auslösten, die wir auch führten. Damals war er „nur“ über 70 Jahre alt. 2007 war er vor Ort, als wir – gelangweilt vom smarten Protest staatsnaher Umweltverbände und Parteien – die alte Tradition mit einem Feldbesetzungsversuch in Groß Lüsewitz wieder aufnahmen. Nun war er 88 Jahre. Und auch nach seinem 90. Geburtstag war Günther Burckhardt, der aufmüpfige Arzt aus Kassel, noch mehrfach dabei. Jetzt ist er tot. Aber auch wenn ich nicht alle seine Meinungen teilte (das wäre ja auch langweilig) – er wird mir als eine Wegweisung erhalten bleiben, dass zwar auch ich selbst mit inzwischen deutlich über 30 Vollzeitaktivisten-Jahren auf Besetzungen bzw. bei direkten Aktionen auffalle (und in den Bürorunden der etablierten NGOs meist unerwünscht bin), aber dass es eigentlich gar kein Alter gibt, an dem Aufhören passend sein könnte. Die 19jährigen, die demnächst von radikal auf weichgespült und dann ins bürgerliche Lager oder zu den angepassten Verbänden wechseln, hätten ihn mal erleben sollen. Günther – ich glaube nicht an Gott, ein Leben nach dem Tod oder solchen Kram. Du lebst nicht irgendwo anders, sondern uns etlichen von uns weiter. Unter anderem in mir.

Kabrack!archiv – wer hat Lust z.B. auf den Bereich zu Gentechnik???
Die Bibliotheken und Themensammlungen der Projektwerkstatt gehören zu den umfangreichsten unabhängigen und selbstorganisierten Bewegungsarchiven. Hier stehen über 20.000 Bücher, ein besonderer Schatz aber sind etliche Kopien, Flugblätter, Zeitungstexte, unveröffentlichte Manuskripte zu vielen politischen Themen. Richtig gut nutzbar wären die aber nur, wenn sie wenigstens ab und zu ergänzt, durchsortiert und neue Infos eingeaktet werden. Und darum geht es: Wer hat Lust, an diesem Archive mitzuwirken? Das Ganze ist thematisch sortiert. Das macht es möglich, einen konkreten Themenbereich zu übernehmen, d.h. zu sortieren, zu gestalten, neue Materialien zu beschaffen, eventuell auch zu erfassen und mehr (also z.B. Gentechnik oder Landwirtschaft, Medizin oder noch andere Themen … es sind viele da drin!!!). Bibliotheken und Archive würden dann zu einer bunten Kooperation mehrerer Leute, die einzelne Themen oder Bereiche übernehmen – vom Einsortieren über das Organisieren weiterer Materialien bis zur Gestaltung von Regalen, bei Interesse auch gerne den angrenzenden Flächen (mal eine Sitzhecke, eine Hängematte, ein Schreibtisch …). Ein paar Einblicke bietet die Seite www.projektwerkstatt.de/kabrack – die Seite wartet auf eine Überarbeitung im Zuge neuen Schwungs im Archiv. Also los … wer Lust hat, eine Themenecke zu übernehmen, an einer mitzuwirken oder auch über das „große Ganze“ des Archivs und der Raumgestaltung nachzudenken, sollte sich melden – gerne auch mit Wünschen, an welchen Themen Interesse besteht.

ZUM NACHDENKEN

Jorgen Randers: Der neue Bericht an den Club of Rome
(2012, ökom in München, 431 S., 24,95 €)
Ein seltsames Buch. Einerseits besteht es aus einer Vielzahl von Zahlen, die in Trends umgedeutet werden, mit denen dann die Entwicklungen der nächsten vier Jahrzehnte beschrieben werden. Im Wesentlichen geschieht dabei das Erwartbare – gesellschaftliche Verwerfungen oder soziale Revolten fehlen in den Szenarien. Sie wären auch schwer berechenbar – aber ganz außer Acht lassen? Bei den Zahlen und Trends ist das Buch vor allem eine Fleißarbeit. Dabei sind schon einige Grundannahmen seltsam. Unkritisch nimmt der Autor an, dass sie Risikotechnologie und Reparaturkonzepte zerstörerischen Wirtschaftens einfach so durchsetzen – von der CO2-Abscheidung bis zur Gentechnik. Richtig spannend wird es dann im letzten Teil, wo es um Neuvorschläge geht. Gelobt wird der starke Staat, z.B. mit der Behauptung, „50 Jahre Entwicklungshilfe … haben gezeigt, dass stabile staatliche Einrichtungen … unverzichtbare Voraussetzungen für langfristiges wirtschaftliches Wachstum sind“. Das findet der Autor gut und hofft auf mehr davon. Am Ende gibt er 20 gut gemeinte Ratschläge, u.a. die: „Investieren Sie in hochwertige Unterhaltungselektronik als Ersatz für die Realität“ und „Erziehen Sie Ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern“. Wohlgemerkt: Das ist keine Satire. Warum ein Ökoverlag das verlegt und bewirbt? Keine Ahnung …

Wer mehr erfahren will: Broschüre „Den Kopf entlasten“ und Internetseite www.kopfentlastung.de.vu. Bei Interesse lassen sich dazu auch gern Veranstaltungen verabreden. Lasst Euch nicht vom scharfsinnigen Denken abbringen. Und vor allem: Denkt selbst!

TERMINE

TON-BILDER-SCHAU „Monsanto auf Deutsch – Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen“
Die nächste Veranstaltungsrundtour mit mehreren der Vorträge läuft vom 8.-ca. 17. März durch Bayern und Österreich. Noch sind einige Abende frei (vor allem 11.-14.3.) – wer hat Interesse? Bisher sind auf der Bayerntour schon einige Termine fest, darunter am 16.3. ein ganztägiges Training zu kreativen Aktionsformen in München.
Außerdem sind rund um das Wochenende 23./24.2. Veranstaltungen auf Hin- und Rückfahrt nach Berlin möglich (also so auf der Linie Kassel – Braunschweig – Magdeburg – Berlin … oder Leipzig – Thüringen).
Im April soll es nach Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gehen.
Wer Interesse hat an der Ton-Bilder-Schau in der eigenen Stadt/Region – bitte melden!

GRUNDLAGEN-SEMINAR ZUR GENTECHNIK
26. bis 28. April in der Projektwerkstatt Saasen

Gentechnik – Risiken und Nebenwirkungen, emanzipatorische Kritik und Aktionen
Ein Seminar für alle, die ihre Kritik inhaltlich schärfen wollen: Was ist Gentechnik eigentlich, wie funktioniert und was bewirkt sie? Wo bestehen die Gefahren? Dabei wird klar, dass verschiedene Begründungen gegen die Gentechnik existieren – von Umweltschutz über Gesundheitsgefahren bis zur Herrschaftsförmigkeit dieser Technik. Aber auch von rechten Gruppen wird Gentechnik kritisiert. Viele kritisieren die Gentechnik prinzipiell. Andere prangern vor allem ihre konkreten Ausformen und die Bedingungen, unter denen sie entwickelt wird, an. Im Seminar sollen die verschiedenen Standpunkte geklärt und diskutiert werden. Einblicke in die Gesetzeslage, Tipps zu Infoquellen (welche Felder sind wo?) und Aktionsideen runden das Wochenende ab.
Durch das Seminar führen Rosi Reindl und Jörg Bergstedt.

Weitere Veranstaltungen im thematischen Bezügen:
3. bis 5. Mai in der Projektwerkstatt Saasen

Den Kopf entlasten – von vereinfachten Welterklärungen bis zu rechter Ökologie
Monsanto ist schuld. Nein, die Bilderberger. Quatsch, das Finanzkapital macht alles kaputt. Die Überbevölkerung bedroht unseren Planeten. Gentechnik ist Frankenstein. Gegen Schächten – auch mit Nazis. So oder ähnlich klingen viele politische Forderungen. Was sie gemeinsam haben: Sie blenden Machtebenen aus, verkürzten komplexe Herrschaftsanalysen und spielen mit den Mitteln des Populismus. Das Seminar soll für skeptisches und genaues Denken werben – mit drei Schwerpunkten:
1. die Merkmale von einfachen Welterklärungen und rechten Denkmustern zu klären,
2. konkrete Beispiele (gern auch auf Wunsch von Teilnehmenden) zu hinterfragen,
3. wie kann mensch sich vor vereinfachtem Denken schützen und solche „Theorien“ entlarven?

24. bis 26. Mai in der Projektwerkstatt Saasen
Sich einmischen – Akten und Pläne studieren, mitreden und protestieren vor Ort
Kreative Widerständigkeit ist gut. Meist ist es nicht klug, sich ständig mit den Herrschenden und Privilegierten zu verbinden, um kleine Vorteile zu ergattern, aber damit das Ganze selbst zu unterstützen. Doch unabhängiger Protest bedeutet nicht, zu den Strukturen des herrschenden Systems ohnmächtigen Abstand zu halten. Ganz im Gegenteil: In den Kochtöpfen der Macht herum zu rühren, genau hinzugucken, Interessen zu demaskieren, Vorhaben frühzeitig und genau zu kennen, verbessert die Handlungsmöglichkeiten. Darum soll es gehen: Die vorhandenen Beteiligungs- und Handlungsmöglichkeiten im Rahmen des bestehenden Systems kennenzulernen, um sie – neben der direkten Aktion – optimal nutzen zu können, z.B. Akteneinsichtsrecht, Beteiligung und Klagen bei Planungen und Behördenentscheidungen, Bürgerbegehren und –entscheide herbeiführen usw.

Infos zu diesen Seminaren sowie Anmeldungen über www.projektwerkstatt.de/termine.