Geländespiel in Üplingen

Zwei reiche Tage mit viel Sonne, Menschen und Gesprächen. Und mit spannendem Geländespiel. Damit man die beiden Parteien gut unterscheiden kann, ist die eine bunt gekleidet, die andere hingegen ganz in schwarz.

Schwarz muß immer aufpassen, daß Bunt nicht über die Straße läuft.

Unterscheiden kann man anfangs die beiden Parteien auch gut am Gesichtsausdruck, denn die Schwarzen schauen durchweg ziemlich grimmig; und je jünger, umso grimmiger.

Die Geländespiel-Regeln sind ziemlich kompliziert: Schwarz muß immer in einer breiten Reihe in der Mitte der Straße stehen und fast immer schweigen,
Bunt darf hin- und herlaufen, darf sogar schwarze Klamotten tragen (schwarz darf aber keine bunten Sachen anhaben) …


… darg Geige spielen …

… und Trompete blasen, Sprüche machen, lesen, gegen Hunger und Patente demonstrieren,


gegen Hunger sich was zu essen holen, mit den Kindern spielen, Bilder malen und singen und rufen.

Aber Bunt darf nicht auf Laternen klettern, um große gemalte Plakate festzumachen. Deshalb hat Bunt sechs 3-m-Stahlrohre mitgebracht, die zu drei 6-m-Stangen verschraubt und mit fester Kordel zu einem Dreibein (Tripod) verknotet werden:
An diesem standfesten Gestell …

Üplingen 2011, Dreibein

… kann Bunt ein großes Plakat aufhängen.

Üplingen 2011, Dreibein

Bunt darf immer nur auf der einen Straßenseite sein. Wenn welche von ihnen nach drüben laufen, müssen mehrere von Schwarz hinterherlaufen und die wieder zurückbringen und noch grimmiger gucken als vorher.

An ihren schwarzen Gürteln haben sie Sachen, über die auch Kinder sich freuen, wenn sie Räuber und Polizei spielen wollen: Handschellen, Funkgerät, Pistole, Pfefferspray und so, und sie haben ein Tonband eingebaut, was in regelmäßigen Abständen sagt: „Bitte gehen Sie von der Straße.“ Und Schwarz muß dann immer die schwarzen, blanken Autos und den weißen Reisebus vorbeilassen.

Wenn ganz viele von Bunt die Straße entlanggehen und sich dort auf der Straße hinsetzen,

Üplingen 2011, Dreibein

dann muß Schwarz dort auch hingehen und wieder ihre Tonbänder anschalten: „Bitte gehen Sie von der Straße.“

Jetzt haben mehrere Bunte sich auf die Straße gesetzt. Da müssen jetzt ganz viele Schwarze hinlaufen.

Denn wenn Schwarz dort nicht hinlaufen würde, müßten die vielen Cheffahrer von Schwarzmetallic …

Schwarzmetallic muß warten

… dort den ganzen Tag warten, und so hartherzig will Schwarz nicht sein.

Deshalb stehen auf der Straße beim Dreibein fast keine Schwarzen mehr, und deshalb gehen jetzt 8 Bunte mit dem Dreibein auf die andere Straßenseite, dort, wo immer die Autos in die große Toreinfahrt hineinfahren wollen. Nun fängt Schwarz ganz schnell zu laufen an, aber Bunt ist noch schneller, und mit Räuberleiter sind zwei von ihnen nach oben; statt Gürtel mit Handschellen haben sie Klettergurte mit Klickhaken, und in 4 bis 6 m Höhe klinken sie sich an das Dreibein an. Die Schwarzen haben nicht so lange Arme und kommen oben nicht ran. Aber sie haben starke Arme und viel Diensteifer und bringen die untengeblieben Bunten wieder auf die bunte Straßenseite zurück. Das 3+2+2-Bein bleibt indessen mitten in der Einfahrt zum Gut Üplingen stehen, und überaus gut finden das natürlich die Bunten.

Schwarz indessen ist auch pfiffig: und weil sie die Torgitter etwas zur Seite nehmen können, werden die blanken großen Autos vom Dreibein nicht wirklich aufgehalten, und die Leute im Bus könnten sich die Schrift auf dem Dreibein-Plakat von ganz nahem durchlesen – aber das kommt ja erst noch.

Nach einer Stunde wird das Spiel noch komplizierter, eine neue Geländespielpartei kommt hinzu: Rot …
Üplingen 2011, Rot-Blau wird eingewechselt

… kommt mit zwölf starken Männern in zwei roten Autos und lustigen blauen Lichtern und viel schönem Werkzeug. Eine einssechzig hohe Arbeitsbühne wird zusammengeschraubt,
Das Arbeitsgerüst: Ist es eine ausreichend hohe Plattform für die Verständigung von Bürger zu Bürger?

damit Rot und Schwarz raufsteigen können und nicht so laut rufen müssen, wenn sie die beiden Bunten fragen, ob sie herunterkommen möchten. Aber die beiden Bunten finden das oben schöner und wollen noch oben bleiben.

Nun nimmt Rot wieder die Arbeitsbühne weg und baut eine lustiges rotes Hoppskissen unter das Dreibein, …

Üplingen 2011, Die Feuerwehr hat eine lustige Hoppsmatte gebracht

… aber die Bunten wollen heute gar nicht hoppsen, sie wollen lieber ein lustiges Fangspiel machen: Transpi-Bündel werden über die Straße zu den beiden Dreibein-Zweibeinern geworfen, und wenn die nicht fangen können, bekommt Schwarz einen Pluspunkt und darf das Bündel erst mal behalten.

Als die Bunten das vierte Bündel fangen können, haben sie ein schönes Transpi und können demonstrieren: „78 % der Deutschen wollen keine Gentechnik“.

Üplingen 2011, Cecil und Erik freuen sich über frische Luft und Überblick

Mit einer verbesserten Spieltaktik wandern dann auch Wasserflaschen und Butterbrot-Päckchen hinauf: Bunt hat einen dritten Mann am Dreibein stehen, das erhöht die Zielgenauigkeit sehr (sowas würde beim Fußball „abseits“ heißen; hier aber gelten nicht die Fußballregeln).

Als es fast schon langweilig wurde, hat Rot ein noch größeres Auto mit noch mehr Blaublinklicht eingewechselt, und da war eine mächtig große Leiter oben drauf mit Arbeitskorb dran.

Üplingen 2011, Arbeitskorb

Üplingen 2011, Arbeitskorb

Dort kletterten zwei große Männer von Schwarz hinein. Das Plakat fanden die großen Männer ziemlich gut, und deshalb haben sie es den Kletterern nicht weggenommen, und sie gucken auch gar nicht grimmig.

Üplingen 2011, Bürgergespräch auf Augenhöhe

Sie hatten auch Gurte und Karabinerhaken und ein großes Messer, damit haben sie nach längerer Zeit den Mann vom Dreibein abgemacht und an den Arbeitskorb drangemacht und zur Erde gelassen. Diesen Bunt-Mann haben sie erst mal behalten.

Nun hat die junge Frau noch Kunststücke gemacht …

Üplingen 2011
… und das schöne Transparent gezeigt. Dann wurde auch sie von den zwei schwarzen Männern in den Arbeitskorb rübergeholt, und dann haben diese drei erst mal gemeinsam vom Arbeitskorb aus demonstriert. Das sah schön aus.

Üplingen 2011, Sport und Staat demonstrieren gemeinsam

Auf der anderen Straßenseite, also neben dem Dreibein, gab es noch eine weitere Demonstration: Die Gen-Leute wollten damit ausdrücken, daß sie die vielen Steuersubventionen und schönen blanken Autos gut finden. Als sie genug demonstriert hatten und nach Hause gegangen waren, ist ein Bunten-Häuptling mit Flüstertüte nach drüben gegangen und hat auf der anderen Straßenseite bei den hinzueilenden schwarzgekleideten Staatsschutzkräften eine Spontandemonstration angemeldet. Die schwarzen Kräfte aber murmelten etwas von „Mehr als eine Demonstration genehmigen wir hier nicht; und Sie gehören doch zur Demonstration dort drüben“ und spulten die besagten Tonbänder ab.
Weil der Häuptling aber jetzt noch nicht auf die eine Straßenseite zurückwollte, legte er seine Sicht der Rechtslage recht laut über das Megaphon dar; den Schwarzen war aber mehr nach unmittelbarem Zwang, und so geleiteten sie den Häuptling nach drüben, allerdings derart unprofimäßig, daß sie ihn dabei stürzten und ihm den Arm brachen. Auch das Megaphon bekam Schrammen.

Die Bunten hatten Kind und Kegel mit dabei, und Trommeln und Transparente, Bücher und Blasmusik, Fiedel und Freßmeile.
Und sie hatten einen dabei, – hm –, ich glaube, das war ein Betriebspsychologe. Aber nicht so einer mit weißem Kittel und Fragebogen, sondern einer, der richtig zu den Menschen hingeht …

… und sich um deren seelisches Wohlbefinden kümmert …

… und das ging ungefähr so:



Gespensterjagd im Maisfeld

Auch Staatsdiener mögen mal etwas Laufsport und Geländespiel.

Dieser Mann (nennen wir ihn Sigi) stellte eine Sitzbank auf die Straße, und ein Polizist stellten sein Tonband an: „Bitte nehmen Sie die Bank von der Straße!“ Sigi überlegte zwei Sekunden lang, setzte sich auf die Bank und blickte freundlich in das Gesicht des Polizisten und sagte: „Bitte, tragen Sie mich weg!“ Der Polizist verzog keine Miene. Etwas traurig wandte Sigi sich an den nächsten Polizisten: „Bitte, tragen Sie mich dann weg.“ Allerdings wollten die das nicht, sie wollten hauptsächlich stehen und amtlich ausschauen.

Als Geste des guten Willens hat Sigi auch den Polizisten die Schuhe geputzt und durch allerlei Späßchen aufgemuntert.

Ich hingegen stand auf dem Seitenstreifen und hatte Mühe, mir den Bauch vor Lachen zu halten. Und sogar die jüngeren Polizisten wurden lockerer und gesprächiger.

Am späteren Nachmittag kamen sogar zwei ältere Polizisten an den Büchertisch, und wir hatten ein sachlich gutes Bürgergespräch über Landbau, Welthunger, krumme Touren, Gentechnik und Gemeinwesen. –dl

Ergänzungen

Die Lage am Eingang der BioTechFarm zu Beginn

Die Polizei schützt - wie üblich - die Pflanzen (und die Seilschaften) vor den Menschen!

Schilder an der Straße begleitend die Gentechnikschau sarkastisch

-jb